Es ist jetzt gut 3 Jahre her, das ich das erste Mal von ihnen gehört habe: den Bewohnern vom Spaghetti-Beach.
Der Ausgangspunkt: Das Fischerdorf La Caleta, Teneriffa
Der Ausgangspunkt: Das Fischerdorf La Caleta
Ein guter Freund erzählte mir damals, das an einem Strand bei Costa Adeje Menschen in Höhlen leben würden. Hippies, die sich bereits in den 60er und 70er Jahren dort niedergesetzt hätten, weil das Leben ihnen da so viel mehr bietet. Einer von ihnen versorgte angeblich mit dem Verkauf selbstgemachter Spaghetti eine ganze Zeit lang die Strandbesucher. Der Name Spaghetti-Beach lag also auf der Hand. Klingt ja so auch viel verlockender als “Strand der Sinnsuchenden” oder “Dorf der Gesellschaftsflüchtigen”. Genau darum geht es aber irgendwie.
Bis heute sind die Aussteiger an den Stränden “Playa de Diego Hernández” und “Playa de los Morteros” zwischen La Caleta und Puerto de Armeñime ein offenes Geheimnis auf Teneriffa. Die meisten Einheimischen wissen von ihnen und selbst Zugezogene und Touristen hören früher oder später davon. Verbreiten sich doch viele Gerüchte und Erzählungen um die Bewohner der beiden Strände. Hippies, ungenierte Nacktbader, Verrückte, Ökos, Dauer-Kiffer, Geisteskranke, Faulenzer – es gibt eine Bandbreite an Namen und Bezeichnungen für die ungewöhnliche Wohngemeinschaft, deren Mitglieder aus den verschiedensten Ländern kommt.
Fakt ist: man muss sie einmal kennengelernt haben und sich eine eigene Meinung bilden. Erst recht wenn man wie ich früher mit großen Augen den Film “The Beach” mit Leonardo Di Caprio verfolgt und gesagt hat “Dahin will ich auch!”
Der Weg zum Spaghetti-Beach, La Caleta, Teneriffa
Der Weg zum Spaghetti-Beach
Also schnappte ich gemeinsam mit zwei guten Freunden das Auto und fuhr in das verträume Küstendorf La Caleta. Von dort führen sozusagen viele Wege nach Rom. Man kann über einen staubigen Wanderweg von der Strandpromenade einsteigen und an der immer spektakulärer werdenden Steinküste langmarschieren oder über die lange Treppe zwischen den Wohnanlagen am Rande von La Caleta abkürzen.
Nach kurzer Laufzeit sieht man sie schon. Die bunten Zelte, die auf dem herrlichen Strand mit seinen weißen Sandfelsen als farbige Tupfen hervorstechen. Je näher man kommt, umso mehr der provisorischen Behausungen entdeckt man. Zwischen Büschen, an Felswänden, ausgebaute Höhlen, Tipis aus Bananenblättern und allem, was der Strand so angespült hat. Man erkennt einen deutlichen Unterschied zwischen jenen, die sich nur eine gewisse Zeit lang für das Leben am Spaghetti-Beach eingerichtet haben und solchen, die schon seit Jahren dort leben.
Bunte Flecken auf den Stränden, La Caleta, Teneriffa
Bunte Flecken auf den Stränden
Verübeln kann man es ihnen nicht. Die beiden Strände liegen perfekt. Abgeschirmt von beiden Seiten durch Felswände und der steppenartigen Vegetation, nach oben hin an einen Golfplatz angrenzend und mitten im Naturschutzgebietmüssen sie nicht mit viel Trubel rechnen. Nur einige neugierige Touristen, ein paar der Bewohner von La Caleta und Wohlgesonnene schauen täglich vorbei, um in diese ganz eigene kleine Welt einzutauchen.
Wir passierten beide Strände und trafen zum frühen Sonntagmorgen nur auf wenige wache Menschen. Dennoch war die Atmosphäre besonders. Es herrscht auf beiden Seiten, bei Besuchern und Bewohnern, eindistanziertes Interesse. Schließlich stehen sich hier oftmals zwei Weltansichten gegenüber. Der Pauschaltourist, der Unmengen an Geld für ein oftmals sehr kommerziell orientiertes Leben ausgibt und der Aussteiger, der sich all dem entzieht und den wahren, natürlichen Sinn der Dinge sucht. Dennoch spürt man keinerlei Feindlichkeit auf beiden Seiten, sondern Respekt. Für die Bewohner sind die Besucher eine willkommene Abwechslung, gern gesehene Gäste, ab und an eine finanzielle Unterstützung. Für die Besucher sind die Bewohner kurios, bewundernswert, vielleicht sogar eine Inspiration. Oder der Grund zu sagen “Ich könnte das nicht.”
Die Bewohner vom Spaghetti-Beach, La Caleta, Teneriffa
Die Bewohner vom Spaghetti-Beach
Ich war jedenfalls erstaunt über die Menge an Menschen, die uns unterwegs begegnete. Ruhiger hatte ich es mir vorgestellt, weniger touristisch. Verständlich, das von den Blumenkindern entsprechend eine kleine Bar am ersten und ein Restaurant am zweiten Strand eingerichtet wurden. Und da ist er wieder, der Kommerz!
Wir ließen uns an der Bar nieder und ich unterhielt mich lange mit deren Besitzer, der schon seit 6 Monaten am Strand lebt. Er erzählte viele interessante Dinge über das Leben als Aussteiger, die Gemeinschaft und all die Gerüchte die umherkreisen. Der wichtigste Teil war allerdings seine Antwort auf die Frage des Warums: “Ich wollte mein Gleichgewicht finden”.
Für mich jedenfalls steht fest, das ich sicherlich nicht zum letzten Mal am Spaghetti-Beach war. Die Möglichkeit, mit Leuten aus aller Welt über ihre Abenteuer, ihre Sicht der Welt und über ihre Lebensweise zu reden, ist für mich mehr als spannend. Und wer kann es in der heutigen Schnelllebigkeit nicht gebrauchen, einmal auf die Pause-Taste zu drücken und zu sehen, wie essentiell die meisten wichtig geglaubten Dinge wirklich sind?
Und wer weiß, vielleicht schaut ja eines Tages mal Leonardo Di Caprio vorbei. Sein Kommentar aus “The Beach” passt jedenfalls perfekt:
„Ich weiss nicht was wir erwartet haben. Menschen die in einer Höhle wohnten. Vielleicht ein paar Hütten. Aber nicht sowas. Es war als wären wir in eine vergessene Welt gelandet. Eine richtig gehende Gemeinschaft von Rucksacktouristen, die aber nicht auf der Durchreise waren, sondern tatsächlich hier lebten.“        
La Caleta, Teneriffa, Aussteiger
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