Wednesday, September 26, 2012

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Sag mir, wo die Hippies sind
  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 13.03.2008 Nr. 12

In Kalifornien formiert sich eine neue Blumenkinder-Bewegung: Auch sie will wieder singend die Menschheit retten - aber diesmal mit Businessplan. 

Ein Besuch:
Wenn die Sonne so auf den Bäumen tanzt, als wolle sie das Leben feiern; wenn sie auf dem Felsrand des Canyons entlangrollt, als wolle sie noch ein wenig Glück verschenken; wenn sie sich dann ganz langsam fallen lässt, damit sie niemanden dabei stört, wie er gerade ein besserer Mensch wird – wenn es also Abend wird im Topanga Canyon, dann kann man schon daran glauben, wie sie alle hier: an einen Geist oder einen Gott oder einen Woran-sie-hier-eben-glauben.


Oder, wie Isaac Nichelson sagt: "Es ist nicht alles total wirklich, aber total positiv." Womit er nicht nur Topanga Canyon meint, diese alte, neue, ewige Hippie-Kommune etwas nördlich von Los Angeles, wo schon der Songwriter Woody Guthrie lebte und der Regisseur und Schauspieler Dennis Hopper und der Rockmusiker Neil Young, wo Charles Manson seine Mordserie begann, wo heute immer noch die deutsche 68er-Ikone Uschi Obermaier wohnt und eine ganz neue Generation von Leuten, die sich lange Haare wachsen lassen und nackt herumlaufen und dazu Lieder von peace and love singen; Nichelson meint damit im Grunde die ganze Welt, so wie er sie sieht. Totally positive. 


Er steht in seinem Laden, einem Flachbau etwas abseits des Topanga Canyon Boulevard, er hat eine Kappe auf, auf der steht "#1 Dad", er ist Anfang 40, und er hat die laute Stimme eines Mannes, der weiß, dass er jederzeit alles zusammenpacken kann, seine Frau, seine Kinder und die paar Ideen, die er im Kopf trägt, und woanders wieder neu anfangen. Aber erst einmal ist er dabei, die Menschheit zu retten. Mit seinen Rucksäcken. 


"Die drei größten Killer der Menschheit", sagt er, "weißt du, was die sind?" Und wie er das so sagt, verschwindet etwas von der positiven Energie, von der er so viel gesprochen hat, und ein Abgrund tut sich auf, ein Abgrund, der immer die andere, dunkle Seite der Hippie-Kultur war. "Essen. Wohnen. Kleidung. Was wir hier tun: Wir verändern gerade die Art und Weise, wie Kleidung hergestellt wird. Und das ist nur der erste Schritt." Dabei schwenkt er den Rucksack hin und her, auf dem der Name seiner Firma steht. "Livity. Designed with sustainable style."

 
Alles hier ist selbstverständlich organisch, Nichelsons Rucksack und Nichelsons Bewusstsein und auch der Kaffee, den es schräg gegenüber von seinem Laden gibt, im Café Mimosa, wo morgens die mexikanischen Kinderfrauen stehen mit all den süßen Hippie-Kindern und einen Latte macchiato trinken, der teurer ist als in Malibu oder Venice Beach. Aber so ist das eben: Wenn man heute Hippie ist, dann will man das richtige mit dem guten Leben verbinden; dann bekämpft man den Kapitalismus nicht so sehr, man nutzt ihn eher; dann fängt die Revolution innen an und hört dort vielleicht auch schon auf.


Wer also nach Los Angeles kommt, dieser Welthauptstadt der Sinnsucher und der Ego-Industrie, und sich in Topanga Canyon umschaut oder im Stadtteil Silverlake, wo die Hippie-Boheme dieser Tage lebt, der wird ein paar Dinge verstehen über unsere Zeit mit all ihren wunderbaren Widersprüchen.


Lektion Nummer eins: Hippies sind heute Geschäftsleute. Nichelson hat dabei etwas von einem jener amerikanischen Pioniere, die immer weiterzogen, in den Westen, in den Westen – bis sie nicht mehr weiterkonnten. In Kalifornien stauten sich ihre Sehnsüchte dann am Ozean; und weil es mittlerweile so viele sind, die hier so denken und leben, wirkt die Westküste der USA manchmal wie eine einzige große Subkultur, von Portland im Norden über San Francisco bis hinunter nach Los Angeles. Alle suchen hier irgendetwas, so scheint es, und zwar dauernd. Seine Nachbarn zum Beispiel, sagt Nichelson und deutet in den Wald, der den Canyon hochwächst, sind Teil der Raw- Bewegung, sie essen nur rohes Fleisch oder Gemüse, weil sie glauben, dass beim Kochen die Energie der Nahrungsmittel verloren geht. 


Das ist die harte Hippie-Variante, die das richtige Leben dem guten vorzieht; die modische Variante, die das gute Leben mit dem richtigen verbinden will, das sind Leute wie Tyke O'Brien und Jon Leaver. Sie sind jung und gebildet, sie haben einen Doktortitel in Kunstgeschichte und Englisch, und vor allem haben sie einen guten Geschmack. Das Haus, das sie sich im Topanga Canyon kauften, diente früher einmal den Doors und den Eagles als Probenraum. Sie renovierten das heruntergekommene Haus, sie rissen die Decken auf – sie taten so, als sei das richtige Leben eine Frage des richtigen Designs.


Und heute, eingerichtet mit all den modernistischen Möbeln von Charles und Ray Eames und mit all dem strengen Schick aus den fünfziger Jahren, dieser eigentlichen Vor-Hippie-Zeit, ist ihr Drop-out-Traum von einem Haus in Hochglanzmagazinen zu bewundern: als Beispiel für heutiges Wohnen. Es scheint so, das zeigt dieses goldene Paar, als sei die Gegenwart auf der Suche nach einem Stil und einem Sinn, die nur die Vergangenheit bereithält.


Lektion Nummer zwei: Hippies gab es schon immer; aber was hat es zu bedeuten, dass sie gerade heute wieder auftauchen, in der Musik, in der Literatur, in der Kunst?


Jemand wie Devendra Banhart zum Beispiel, der wirkt, als lebten wir in einem ewigen 1967, und aussieht, als könne er über das Wasser laufen. "Ich hatte lange Zeit das Gefühl", sagt Devendra Banhart, der eine Stimme hat, die von sehr weit weg zu kommen scheint, "dass wir in einem dunklen Zeitalter leben und es das Beste wäre, sich seine eigene kleine Welt einzurichten. Dass es schon politisch wäre, wenn man anders oder besonders ist. Dass es schon reicht, seine eigenen Kleider herzustellen. Aber dann verstand ich schließlich, dass ich damit nur dem auswich, was draußen um mich herum passierte."


Heute ist er ein gefeierter Popstar und singt seine Songs auf Konzerten, damit die Truppen endlich aus dem Irak nach Hause kommen. Und das ist dann tatsächlich ein wenig wie in den sechziger Jahren, als der Vietnamkrieg seinen langen Schatten warf: Was von Europa aus vielleicht nur wie ein Trend wirkt, das Neo-Hippie-Ding, ist in Amerika kulturelle Realität. Während ein Teil der Jugend dieses Landes vor die Hunde geht, weil er zu Krüppeln oder Nervenwracks zusammengeschossen wird, sucht ein anderer Teil nach Sinn, nach einem neuen Bewusstsein, nach alten Worten wie Friede, Liebe, Sonnenschein.
Lektion Nummer drei: Hippies bekommen eine Bedeutung, wenn politisch etwas schiefläuft; ein Krieg zum Beispiel, für den man sein Volk belügt.


Und gleich Lektion Nummer vier: Hippies sind heute oft die Kinder von Hippies.


Devendra Banhart etwa verdankt seinen Vornamen dem Hindugott Indra, Herrscher über Feuer, Wasser, Sonne. Seine Eltern trennten sich bald, Selbstbefreiung und so, seine Mutter zog mit ihm nach Venezuela, er lebte dort unter Yogis, bis er wieder zurückkam nach Amerika, wo er weiter unter Yogis lebte. Und heute wohnt er in einem Holzhaus im Topanga Canyon, er hat einen Bart wie Charles Manson, er tanzt wie ein Derwisch, er ist 26 Jahre alt, und die Zeichnungen, mit denen er zum Beispiel seine letzte CD Smokey Rolls Down Thunder Canyon verzierte, wurden gerade im San Francisco Museum of Modern Art ausgestellt, gemeinsam mit Zeichnungen von Paul Klee, der auf einmal auch wie ein Hippie wirkte, der etwas besser zeichnen konnte, aber dafür nicht so schöne Songs geschrieben hat. "Songs sind Bilder, die ich nicht malen kann", sagt Banhart, "und Bilder sind Songs, die ich nicht singen kann." 


Hippies, Lektion Nummer fünf, haben immer noch einen starken Hang zum Gesamtkunstwerk. Das verbindet Devendra Banhart auch mit Miranda July, die als Performance-Künstlerin bekannt wurde und mit ihrem ersten Film Me and You and Everyone We Know gleich einen Preis in Cannes gewonnen hat, bevor sie mit ihrem ersten Kurzgeschichtenband No One Belongs Here More Than You erst die amerikanische Kritik bezaubert hat und jetzt, wo das Buch unter dem Titel Zehn Wahrheiten erschienen ist, auch die deutsche. Was ihr ganzes Werk durchzieht, ist das Motiv der Unsicherheit im Persönlichen und der Angst im Existenziellen – einer Angst, die von der sonnigen Hippie-Haltung nicht zu trennen ist und zurzeit, so scheint es, so modisch und schick ist, dass es etwas bedeuten muss.



Oder warum sonst sind all die Hipster von Silverlake so begeistert von der 34-jährigen July und ihrem Freund Mike Mills, dessen Spielfilm Thumbsucker von einem Jungen handelt, der nicht aufhören will, am Daumen zu lutschen, und mit großen fragenden Augen auf die Welt schaut? 


"Es ist alles ein Mysterium", sagt July, die auch so große fragende Augen hat. "Wo wir herkommen, was der Ursprung von alledem ist." Und weil die Situation so unübersichtlich ist, muss man viel reden, mit seinen Freunden, muss sich treffen zum existenziellen Kuscheln: Was passiert, wenn das Öl alle ist, das ist eine dieser Fragen, die sie diskutieren – und zwischendurch muss man sich über die Haare streicheln. So hat July auch Devendra Banhart kennengelernt, beim gemeinsamen Haarestreicheln. "Devendra kam einfach mit ein paar Freunden vorbei", sagt July, "das war ganz schön viel Arbeit. Bei all den Haaren."


Und obwohl sie in ihren Kurzgeschichten den Trösterton für die Gegenwartsliteratur entdeckt, obwohl sie in ihren Kunstprojekten gern praktische Lebenshilfe gibt, wie man sich selbst mehr zu lieben lernt, obwohl sie Miranda heißt, weil ihre Hippie-Eltern sie so genannt haben, damals in Berkeley, wo der allgemeine Auftrag die Weltverbesserung war – beim Wort "Hippie" schüttelt sie sich. "Meine Freundin Becky Stark, die ist wirklich ein Hippie. Ich bin richtig straight dagegen. Und meinen Freund Mike lachen sie aus, weil er manchmal eine Krawatte anhat." 


Lektion Nummer sechs: Hippies können heute gut angezogen sein und sogar, wie Miranda July, eine eher konservative Tweedstola aus den fünfziger Jahren tragen, von denen es in den Boutiquen von Silverlake so viele und so schöne gibt.


Becky Stark dagegen, die Sängerin der Band Lavender Diamond , trägt Blumenkleider, trat mit sieben Jahren in die League of Women Voters ein, war mit 13 auf einer Friedensmission in Moskau und tanzt heute gern mit entrücktem Lächeln über die Straße. "Wir müssen unsere Energiequellen ändern", sagt sie, ganz im Ton der sechziger Jahre. "Wir müssen unsere Beziehung zur Natur ändern. Wir müssen unsere Beziehung zueinander ändern. Wir müssen die Energiequelle von Angst auf Liebe umstellen." Ihre CD heißt dann auch Imagine Your Love und ist ganz vom Glauben an das Gute erfüllt. "Jeder fragt mich", sagt Stark, "ob ich das ernst meine mit dem Frieden auf Erden. Aber warum zum Himmel sollte ich das denn nicht ernst meinen?" 


Lektion Nummer sieben: 
Musik ist das Medium, das die Hippie-Botschaft immer noch am besten unter die Leute bringt; Joanna Newsom mit ihrer sphärischen Harfenmusik zum Beispiel oder der wunderliche Anthony von Anthony and the Johnsons: alles Freunde von Devendra Banhart natürlich, Haarestreichler. Miranda July ist da tatsächlich deutlich ironischer und distanzierter. Liebe ist auch ihr großes Thema, aber in der verzwickten Variante. "Warum sind wir nicht fähig zu lieben oder lieben zu viel oder können nicht geliebt werden", sagt sie, "diese Fragen interessieren mich." Es ist eine heitere Melancholie, die von ihr ausgeht, auch weil sie ein wenig verloren wirkt in dieser Welt. "Sie müssen", sagt sie, als sie den Weg zu ihrem Lieblingsbuchladen Skylight Books beschreiben soll, "sie müssen den Sunset Boulevard entlang bis zum Hollywood Boulevard, glaube ich, oder gleich Vermont? Ach, ich bin so schlecht mit Richtungsangaben."

Sie steht dann noch eine Weile unschlüssig an der Ampel, als warte sie auf etwas und dreht sich dann recht abrupt um und überquert die Straße, geht direkt auf das große rote Herz zu, das an die Mauer gemalt ist. "Lovecraft" steht dort geschrieben, und wenn man um die Ecke schaut, dann sind dort auf dem Hof drei Mercedes aus den achtziger Jahren, einer blau, einer golden, einer grün; man könnte fast denken, dass hier ein Hip-Hop-Video gedreht wird. Dabei ist Lovecraft einfach eine Werkstatt, die Dieselwagen auf Biosprit umrüstet.


Lektion Nummer acht: 
Es war noch nie so schick, Hippie zu sein.
Zumindest in Silverlake. Von der Fishburn Avenue aus sieht das schon wieder anders aus. Hier, in der Nähe des zubetonierten Los Angeles River, steht ein braunes Lagerhaus, vor dem ein paar streunende Hunde herumlaufen und drei Mexikaner auf einer Treppe sitzen und in die Sonne schauen. Der Verkehr des achtspurigen Highways dringt als ein leises Windgeräusch herüber. Verlorenes Terrain eigentlich. Die Skulpturen von Sterling Ruby kosten trotzdem um die 100.000 Euro.

 Lektion Nummer neun: Es lohnt sich, ein Hippie zu sein.
 
Oder wenigstens, wie er, Eltern zu haben, die ihr eigenes Gemüse anbauen, auf einem Dorf irgendwo in Pennsylvania. "Ich bin ein Kind von Hippies und von Foucault", so sagt Sterling Ruby das selbst. Er ging auf eine Dorfschule, er arbeitete danach ein paar Jahre auf dem Bau, er wurde vom Art Institute in Chicago aufgenommen und las so viel französische Theorie, "dass ich am Ende wirklich nicht mehr wusste, was es heißt, ein Mann zu sein".




Heute mit 35 trägt er eine Brille von Gucci, hat sich von Foucault erholt und fertigt Skulpturen, die wie Albträume aus jener Welt wirken, die Devendra Banhart so beschreibt: "Ich fühle mich allen Menschen verbunden, sie sind alle meine Familie. Wir stammen alle von Mutter Natur ab, wir sind alle ihre Kinder. Das ist das, was du bei einem guten LSD-Trip lernst."




Sterling Ruby allerdings baut das Grauen eines schlechten LSD-Trips nach. Wie deformiertes Kinderspielzeug schaut manches aus, wie mit Spinnweben aus Giftschleim überzogen, wie in Schrecken zerflossen. Es ist die dunkle, die Charles-Manson-Seite von Los Angeles und der ganzen Hippie-Tradition, die ihn beschäftigt. Seine Töpferarbeiten etwa und auch die selbst genähten Kissenlandschaften sehen aus, als sei der ganze Handwerkskram, von dem die Hippies immer so gerne reden, organic, you know, in Wahrheit auch nur ein Versuch, den Teufel in ihnen zu töten. "Ich bin weniger spirituell interessiert als meine Eltern«, sagt er, »und sehr viel mehr am Verhalten von wilden Tieren und an der Frage, warum es unmöglich ist, ein freier Mensch zu sein.« 


Lektion Nummer zehn: Es gibt nicht nur Sonnenschein, da können die Hippies noch so flöten.
Sterling Ruby steht mit breiten Beinen in der Halle, die er als Nächstes ausbauen will. Er wirkt wie ein überintellektueller Unternehmer, wie jemand, der mit dem Schlamm handelt, mit dem Sondermüll, den diese Kultur produziert. Er gewinnt Schönheit daraus und sogar Bedeutung. "Die Fragen nach Wahrhaftigkeit und Spiritualität, die stellen sich für meine Generation gerade neu."


Auf seine Art ist auch er ein Suchender, der es weit gebracht hat, von der Farm in Pennsylvania bis in die unwirtliche Betonwüste von Los Angeles. Er ist den umgekehrten Weg gegangen wie Isaac Nichelson, Devendra Banhart oder Miranda July. Die Natur ist nicht freundlich, das weiß er; und wir sind auch nicht alle ihre Kinder. Aber er teilt diese Annahme, die sich heute vor allem in den Künsten äußert: dass wir so clever sind und klug und uns als Menschheit gerade selbst ruinieren. Krieg war und ist der eine Antrieb für love and peace; die Klimakatastrophe ist heute ein zweiter. Es ist nicht bloß ein Trend; es ist, mal wieder, der kindische, verzweifelte Versuch einer spirituellen Revolution.

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